Es ist ein Satz, den man leicht daher sagt: „Nie wieder.“ Doch was braucht es, damit er mehr ist als ein Lippenbekenntnis? In einer Zeit, in der Rechtsextreme wieder offen auftreten, antisemitische Hetze Alltag geworden ist und der Krieg nach Europa zurückgekehrt ist, wirkt die Antwort dringlicher denn je. Mannheim gibt eine – mit einem starken Zeichen der Erinnerungskultur.
„80 Jahre Verantwortung für Frieden und Demokratie – Erinnern, Verstehen, Gestalten“ – unter diesem Titel steht die stadtweite Veranstaltungsreihe, die rund um den 8. Mai an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert. Der historische Bezug ist klar: Am 29. März 1945 wurde Mannheim von amerikanischen Truppen befreit, das NS-Regime war in der Stadt am Ende. Doch wer heute zurückblickt, will nicht stehen bleiben beim Rückblick. Es geht um das Jetzt. Und das Morgen.
Oberbürgermeister Christian Specht bringt es auf den Punkt:
„Demokratie, Freiheit und Frieden in Europa sind nichts Selbstverständliches. Wir erleben täglich, was um uns herum geschieht – und deswegen ist es so wichtig, gegen das Vergessen zu arbeiten.“
Herzstück der Reihe ist die Ausstellung „Gegen das Vergessen“ des Mannheimer Fotografen und UNESCO Artist for Peace Luigi Toscano. 60 großformatige Porträts von Überlebenden der NS-Verfolgung werden vom 25. April bis zum 11. Mai auf dem Platz vor dem Wasserturm gezeigt – offen, mitten in der Stadt, mitten im Leben. Die Gesichter sind eindrückliche Mahnung und stille Anklage zugleich. Keine Theorie, keine Abstraktion – Menschenschicksale, in die man nicht wegschauen kann.
Für Toscano ist es eine Rückkehr – im besten Sinne des Wortes:
„Es ist wie Heimkommen. Ich war mit dieser Ausstellung auf der ganzen Welt unterwegs – Washington, New York, Paris, Kiew – aber am Wasserturm, unserem Wahrzeichen, zu zeigen: Das ist für mich eine große Ehre.“
Die Reise der Ausstellung begann vor zehn Jahren an der Alten Feuerwache in Mannheim. Nun kehrt sie zurück an ihren Ursprung – an einen symbolischen Ort. Denn einst hing ein riesiges Hakenkreuzbanner vom Wasserturm. Heute setzen die Porträts etwas dagegen: Menschlichkeit statt Ideologie. Würde statt Herrschaft. Erinnerung statt Verdrängung.
Was die Ausstellung besonders macht: Sie ist nicht museal, sondern lebendig. Schüler*innen des Moll-Gymnasiums übernehmen Führungen, begegnen den Geschichten, übersetzen sie in ihre Sprache, tragen sie weiter. So werden sie zu Zeugen der Zeugen – eine Generation, die Verantwortung übernimmt, weil bald niemand mehr selbst erzählen kann.
Dass die Stadtgesellschaft das Projekt gemeinsam trägt, ist kein Zufall, sondern ein Statement. Kulturamt, Marchivum, Jüdische Gemeinde, Kirchengemeinden, Vereine wie die Mannheimer Runde und Unternehmen wie die MVV Energie ziehen an einem Strang. Finanziell unterstützt wird das Schülerprojekt zudem durch den Aktionsfonds der Stadt gegen Rechtsradikalismus, Muslimfeindlichkeit, Antisemitismus und Antiziganismus.
Das Gedenken ist nicht Vergangenheit – es ist Gegenwartspolitik.
In einer aktuellen Studie sagen 30 Prozent der Deutschen, es sei Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. Gerade das zeigt: Es braucht dieses Erinnern. Es braucht Konfrontation. Es braucht die Gesichter derer, die überlebt haben – und die sich mit großer Würde und oft hohem persönlichem Risiko porträtieren ließen.
Toscano erzählt, wie auf Schulhöfen im Osten der Republik Lehrerinnen bedroht wurden, weil sie seine Ausstellung zeigten. Und wie wichtig es ist, sich davon nicht einschüchtern zu lassen.
„Wir müssen jungen Menschen die Chance geben, eine eigene Haltung zu entwickeln. Es geht nicht ums Überreden, sondern ums Sensibilisieren.“
Die Ausstellung „Gegen das Vergessen“ will genau das. Und sie tut es mit eindringlicher Kraft.
Mannheim hat vorgelegt. Nicht mit Pathos, sondern mit Haltung.
Infos zur Ausstellung:
📍 Gegen das Vergessen – Porträts von Überlebenden der NS-Verfolgung
📅 25. April bis 11. Mai 2025
📌 Vor dem Mannheimer Wasserturm
🎓 Führungen durch Schüler*innen des Moll-Gymnasiums
🎟️ Eintritt frei
👉 Das gesamte Programm zur Veranstaltungsreihe:
www.kriegsende-mannheim.de